Archiv 2020

Friede sei mit Euch von dem der da ist und der da war und der da kommt!

Psalm 25,4-7 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! 5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich. 6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. 7 Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!

Liebe Gemeinde, Die Fastenzeit ist eine Zeit der Besinnung. Eine Zeit, um zu meditieren, oder auf Angewohnheiten zu verzichten, die einen sonst gefangen nehmen. Es geht darum, sich selbst ein Stück näher zu kommen und sich ehrlich mit sich auseinander zu setzen. In dieser Zeit können Sie sich also fragen: was nimmt Sie sonst gefangen? Was hält Sie hin und wieder davon ab, wahrhaftig zu leben? Die Lust auf Süßigkeiten, die einem langfristig etwas die Laune verdirbt? Oder die ständige Reizüberflutung durch das hohe Arbeitspensum oder eine zu dicht gepackte Freizeitgestaltung? Oder die Trägheit, durch die man nicht so richtig dazu kommt, sich auszuleben? Jemand hat meine Generation mal so beschrieben: Herumdrängeln, wenn die ältere Dame an der Kasse mal eine Minute länger braucht, um ihr Kleingeld zusammen zu kratzen, wütend werden, wenn der Bus 5 Minuten später kommt, und dann abends sinnlos für drei Stunden Serien schauen oder im Internet herum suchen. Das Internet kann eine Menge tolle Informationen bieten und viele Filme enthalten gute Anregungen und beschreiben manchmal ganz gut die Lebenswirklichkeit. Aber klar: Das Ganze kann auch irgendwann in Betäubung ausarten, in der wir vor lauter Berieselung von der Wirklichkeit nicht mehr viel mitbekommen. Oder in der wir auf die Wirklichkeit auch nicht mehr großartig einwirken, aktiv handeln oder irgendetwas verändern. Was ist es bei Ihnen, was sie manchmal abtrennt von der Wirklichkeit? Oder was für Sie manchmal ihren Kontakt zu sich selbst oder zu Anderen einschlafen lässt?

Die Wahrheit ist eine komplexe Sache. Vorhin in der Lesung haben wir vom letzten Abendmahl gehört. Zwei Menschen sitzen dabei am Tisch, die beide etwas sagen, was stimmt. Jesus sagt, dass jemand am Tisch in verraten wird. Und er hat Recht. Judas wird den Römern verraten, wo sich Jesus aufhält. Auch Judassagt also etwas, was stimmt. Aber handelt er wirklich in der Wahrheit?

Dietrich Bonhoeffer hat sich mit einer ähnlichen Frage auch beschäftigt. In der Zeit, als er während des Nationalsozialismus im Gefängnis saß, hat er weiter theologische Schriften verfasst. Und da hat er sich auch gefragt: „Was heißt, die Wahrheit sagen?“ Immer wieder wurde er in Verhören im Gefängnis befragt nach „Mitschuldigen“, deren Namen er verraten sollte. Wir ahnen: Bonhoeffer wäre weniger wahrhaftig gewesen, wenn er in den Verhören nachgegeben hätte und tatsächlich angefangen hätte, Namen zu nennen.

Bonhoeffer stellte fest: „Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst.“

Die Wahrheit im biblischen Sinn lässt sich schwer darauf festnageln, immer und jedem zu verraten, was vllt. faktisch stimmen mag. Eine Wahrheit kann zerstörerisch sein, eine Lüge hin und wieder lebensrettend.

Genauso kann ein Aufdecken von zuvor Unbekanntem oder Unbewussten aber natürlich auch näher zur Wahrheit führen. „Was ist also die Wahrheit?“

Paulus stellt zwei Lebenswirklichkeiten nebeneinander: Die Wirklichkeit des Geistes und die der Sünde. Und die Sünde ist dabei viel mehr als hier und da nicht ganz korrekt zu handeln. Das Leben im Geist ist eins, in dem Glaube, Liebe und Hoffnung kommuniziert werden. Die Sünde dagegen ist eine tiefgreifende Struktur, in der Hoffnungslosigkeit, Feindseligkeit, und Lieblosigkeit gefördert werden und Leben zerstört wird. Oft merken wir gar nicht, wie wir ungewollt und unbewusst Teil dieser Sünde werden. Das gilt auch für mich: Ich weiß nicht bei jedem T-Shirt, was ich kaufe, wer am anderen Ende der Kette sitzt und ob der fair behandelt oder zu meinen Gunsten ausgebeutet wird. Ich weiß auch nicht, welche Güte- und Nachhaltigkeits-Siegel nicht doch am Ende wieder Monokulturen absegnen oder andere Vorgehensweisen, die die Umwelt zerstören.

Die Wahrheit ist ein absolut schwieriges und komplexes Ding, denn wir merken oft gar nicht, wann und wie wir uns von ihr entfernen. Meistens tun wir das alle zusammen und fast keiner tut es, weil er sich wirklich von der Wahrheit entfernen will.

Die Wahrheit ist ein absolut schwieriges und komplexes Ding, denn wir merken oft gar nicht, wann und wie wir uns von ihr entfernen. Meistens tun wir das alle zusammen und fast keiner tut es, weil er sich wirklich von der Wahrheit entfernen will.

Erst mit einigen Schritten Abstand haben wir die Chance, solche Strukturen auch wirklich zu enttarnen. Und wir müssen nicht meinen, dass es die heute nicht mehr gibt. Vorgestern war auch der Weltfrauentag. Auch hier decken wir in unserer Zeit erst nach und nach auf, wo da in unserer Sprache, in unseren Gesten und in unseren Strukturen doch erhebliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gemacht werden. Sie fallen deshalb kaum auf, weil sie Gesamtphänomene sind, weil sie so oft auftauchen und so eingewöhnt sind, dass sie kaum mehr auffallen. Erst wenn man ganz bewusst drauf achtet, fällt einem vielleicht bei der ein oder anderen Familienfeier auf, dass doch immer wieder nur die Frauen in der Küche stehen, während ab und zu ein Mann rein schneit, um zu schauen, ob alles richtig läuft.

Nur, wenn man Gehaltsabrechnungen einsehen kann, fällt auf, dass Frauen im Schnitt immer noch weniger Geld für dieselbe Arbeit verdienen.

Ich kann mit der Beschreibung von Paulus viel anfangen: Es gibt diese Strukturen der Sünde, in der Zweifel, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit verbreitet und gelebt werden. Und es gibt die Strukturen, die Gottes Geist schafft: in denen Glaube, Liebe und Hoffnung verbreitet und verwirklicht werden.

Wir wollen in dieser Zeit nach der Wahrheit suchen. Das heißt für mich auch, zu versuchen, Strukturen aufzudecken, die lebensfeindlich sind. Das ist der erste Schritt: die Enttarnung von Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Der zweite ist, demgegenüber Glaube, Liebe und Hoffnung zu kommunizieren. So wie das Personen wie Martin Luther King getan haben. Oder auch die Helden unserer Zeit, z.B. Greta Thunberg, die vorgestern in Schweden zur Frau des Jahres gekürt wurde. Sie ist so jemand, der im Moment ausspricht, was eigentlich eh jeder weiß, aber was sich im Kollektiv eben doch so schön verdrängen lässt. Vielleicht auch, weil in dem Umgang mit der Umwelt nicht mehr wirklich an eine Wende geglaubt wird und die Hoffnung aufgegeben wurde. Wie schön, wenn es Menschen gibt, die in der Wahrheit leben und sprechen, die für ihre Hoffnung einstehen und durch die es wieder Hoffnung gibt! Vielleicht geht es Ihnen auch so: ich möchte auch so jemand sein, der Glaube, Liebe und Hoffnung kommuniziert. Auch deshalb kann ich vor allem jetzt in der Fasten- und Umkehrzeit aus vollem Herzen unserem Psalm mitbeten:

7 Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit. HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! 5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.