Gemeinde(er)leben

Mittschnitt des Gottesdienstes vom 20. September 2020 mit Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom und Max Fischer
Musikalische Begleitung Kerstin Winter-Koch und Uwe Weiland

PREDIGT "WAS IST EIGENTLICH DAS PARADIES?" (1. Mose 2)
(in Aufnahme von Gedanken von Sup. Dr. Gregor Heidbrink)

Liebe Gemeinde!
Was ist eigentlich das Paradies? 3 bis 3,5 Gedanken dazu


Das Paradies ist der Ort, wo Leben entspringt
Was wohl Adams erstes Gefühl war, als er sich reckte und streckte? Erde und Staub waren nicht länger totes Material, sondern sie spannten sich als Muskeln und Sehnen über seinen Knochen. Warmes Blut pochte durch Arme und Beine. Eben noch sinnloser Staub. Jetzt: Krone der Schöpfung.
Die Schöpfung ist noch im Rohzustand. Leben brodelt schon unter der Oberfläche, will keimen und spießen. Larven wollen schlüpfen, aber noch gibt es keine Ordnung und auch noch keinen Herrn, der vorgibt, wie alles werden soll. Nur ein bisschen Tau legt sich morgens auf den leeren Acker. Regen, der Segen bringt, fällt noch nicht.
Adam wird be-geist-ert. Der Herr gibt ihm Lebensgeist – ohne ihn wäre er ein toter Klumpen Erde geblieben. Selbst das perfekt geformte Kunstwerk hätte sich von allein nicht erheben können oder beginnen, irgendetwas zu tun. Es muss beseelt werden. Und Gott macht das. Adam läuft barfuss durch den Staub. Und der Acker um ihn herum sehnt sich nach Leben.
Gott pflanzt einen Garten. Er setzt Bäume voll Schönheit und voll Speise, sodass Adam satt wird. Adam hört Gottes Ruf, er bekommt eine Be-rufung: Bebaue und bewahre den Garten! Breite ihn aus. Ver-wandle die rohe Schöpfung in sein Bild! Bringe den Wandel, sei der Wandel. Das Paradies ist kein Ort von Stillstand. Sondern es ist die Keimzelle der Schöpfung.
Eine Landkarte voller weißer Flecken – Raum für Kreativität. Freiheit etwas zu tun – und die Berufung, sich auszutoben und sich zu vermehren. Nur einen kleinen Anfang hat Gott gesetzt, jenen Garten. Von da aus soll sich das Leben ausbreiten – so wie ein großer Baum aus einem winzigen Samenkorn entsteht. Dafür sind auch die vier großen Flüsse wichtig – Euphrat und Tigris entspringen dort. Und wo ihr Wasser hinkommt, wird aus der Wüste ein Garten – das Paradies selbst ist die Quelle des Lebens. Das Paradies ist der Ort, wo das Leben entspringt.
Manche sind ja der Meinung, beim Christsein ginge es nur darum, seinen Hintern am Ende in den Himmel zu kriegen. Aber geht es beim Christsein darum, ins Paradies zu kommen? Die einen, die so denken, interessieren sich nicht mehr für diese Welt. „Worauf es ankommt, ist der Himmel. Was hier unten schief läuft, ist eh nicht zu ändern.“ Die anderen, die so denken, finden die Aussicht auf den Himmel, dieses Paradies, langweilig und wenig erstrebenswert – und ebenso dann auch das Christsein langweilig und wenig erstrebenswert.
Liebe Leute, schaut lieber mal auf den total diesseitigen Ruf, der am Anfang an einen jeden ergeht: Gott beschenkt dich mit Lebensgeist, damit du an deiner ursprünglichen Berufung teilhaben kannst. Und die Berufung lautet: Werde ein Teil des Paradieses. Breite es aus. Jetzt und hier, auf Erden, mitten unter den Menschen.
Das Paradies, der Garten Eden ist uns Menschen von Gott anvertraut. Wir sind aufgerufen, es zu bebauen, zu bewahren, zu gestalten. Das Paradies ist eine Antwort auf die Frage nach dem Wozu? Als Adam das Paradies sieht, merkt er, dass alles seinen Sinn hat.

Das Paradies ist der Ort, an den uns unsere Suche nach Sinn führen will und den wir so oft verfehlen
Liebe Gemeinde! Es gab keinen Augenzeugen, der es überliefert hat, wie Gott Adam geformt hat aus der Erde, wie er Lebensodem in ihn gegeben hat, wie überhaupt der Ackerboden entstanden ist, von dem er Adam genommen hat. Was wir haben, ist eine Geschichte, eine prophetische Geschichte. Sie betrifft unsere Welt aber irgendwie auch nicht unsere Welt. Denn die Welt hat sich geändert seit Adams Tagen. Pischon und Gihon fließen da – zwei Flüsse, die wir nicht mehr kennen. Was ist aus ihnen geworden? Die Welt hat sich geändert. Euphrat und Tigris sind noch da – zwei Flüsse die wir kennen. Sie fließen durch den Irak. Denkt nur: Paradieswasser fließen durch dieses Land. Und was haben wir Menschen daraus gemacht? Nach Gottes Willen müssten wir eigentlich Spaten, Setzlinge und Gießkannen dorthin schicken. Für den Garten. Aber wir schicken Panzerfäuste. Wir sehen die Menschen dieses Landes auf der Flucht aus dem, was ein Paradies hätte sein können, auf einer Flucht in die Hölle.
Auf Lesbos, in Moria, und anderen Unheilsorten sehen wir die Kinder des Irak, die Kinder Syriens, Afghanistans und Afrikas, die auf der Suche nach einem Stück vom Paradies waren – und die Hölle auf Erden gefunden haben. Die Welt hat sich geändert. Sie liegt in Schutt und Asche und Schande liegt über unserem Haupt.
Am Anfang steht ein Mensch auf aus dem Staub und geht in das Paradies. Wir sehen meistens das Gegenteil: Wir sehen Menschen, die zerstören, was andere sich aufgebaut hatten. Die sogar noch das Letzte verbrennen, was anderen geblieben ist, aus purer Verzweiflung, als finaler Hilfeschrei gegen das Vergessenwerden. Wir sehen Vernichtung, Zerstörung, Verfall, ein Tohuwabohu, ein wüstes und leeres Chaos wo ein Garten hätte sein können, der Menschen willkommen heißt. Wir sehen wie Menschen untergehen, im Mittelmeer und den Urfluten des Lebens. Jeden Tag sehen und erleben wir, dass ein Mensch, der eben noch ein lebendiger Mensch war, einfach vergeht. Er wird Staub. Ein Teil des Bodens. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Wenn der Lebensgeist weicht, wenn der Atem stillsteht und uns nicht mehr mit Gottes Lebenshauch verbindet, bleibt nichts mehr übrig von uns. Dann stehen wir mit leeren Händen und schweren Herzens an den Gräbern und können es nicht fassen, dass das alles gewesen sein soll. Ich denke, wir fassen es nicht, weil etwas tief in uns sich noch erinnert.
Es ist die Erinnerung an unsere Bestimmung zum Paradies. Unsere Sehnsucht, die uns keine Ruhe lässt, solange wir jenseits von Eden leben. Das Gefühl, dass etwas hier grundfalsch ist und wir ein Teil einer völlig verkehrten Welt. Die Sehnsucht nach dem Paradies bleibt, obwohl oder gerade weil die Liste der Sinnlosigkeiten länger und länger wird. Gottes Lebensgeist durchströmt uns noch, sein lauter Ruf von einst flüstert noch in uns, erinnert an unsere Berufung: Baut einen Garten Eden für die Geschöpfe dieser Welt! Aber unser Weg führt uns nicht zwangsläufig zu Gott. Unser Weg, unsere Sehnsucht führt oft genug in die Irre. Wer das Paradies sucht, hat die Qual der Wahl: Ein Blick ins Branchenbuch zeigt, es gibt Garten-, Wellness-, Hunde-, Katzen-, Computer-, Kinder-, FKK-, Küchen-, Bad- und Fliesenparadiese. Alle spielen in ihrem Namen mit unserer tiefsten Sehnsucht nach einer heilen Welt. Aber welches käufliche Paradies hält schon, was es verspricht? Das Wellnessparadies bietet wohlige Momente der Entspannung – bevor es dich, wenn deine Zeit abgelaufen ist, wieder ausspuckt in einen grauen Winter. Es ist keine Keimzelle des Lebens sondern ein verzweifelter Zufluchtsort. Darum vermittelt es auch keinen Sinn. Und ist die klinische Reinheit eines Fliesenparadieses vergleichbar mit dem wild aufkeimenden, sprossenden, verrückt-kreativen Leben, das sich zwischen den Obstbäumen im Garten Eden entfaltet? Der war nicht perfekt gekachelt.
Und ist die Schamlosigkeit im FKK-Paradies wirklich die gleiche, wie die Nacktheit im Ursprungsparadies, in der der Mensch noch keine Kleider brauchte, um sein wahres Ich zu verstecken? Und wer auf RTL bei „Adam sucht Eva“ mitmacht, wird nicht als die privilegierte Krone der Schöpfung gefeiert – sondern bloßgestellt. Sind wir wirklich noch auf der Suche – oder irren wir nur umher? Verfehlen wir das Paradies, weil wir unsere Berufung dazu nicht mehr hören oder zu deuten wissen? Weil wir unsere Sehnsucht pervertieren? Weil wir in Sinnlosigkeiten einen Sinn hineinzulegen versuchen?

Das Paradies ist der Ort in uns, in dem wir die Erkenntnis des Guten und des Bösen bergen und an dem Gott nach Gerechtigkeit ruft
Liebe Gemeinde! Wohin treibt uns die Sehnsucht nach dem Paradies? Die Bibel erzählt von einem Mann, der weit abgekommen ist von dem Weg in Richtung des Paradieses. Er weiß, dass er den Tag nicht überleben wird. Kurz vor seinem Tod blickt er zurück auf sein Leben. Sein Freund neben ihm sieht es nicht ein. Er schon. Sie haben ihr Leben verwirkt. Sie hatten auch nicht einfach Pech, dass sie unschuldig in irgendeine Sache hineingeraten wären…. Nein, nein, aber sie sind beim Versuch, einfach ihr Ding zu machen in einen Strudel geraten, der nach unten zieht.
Langsam zieht nun das Kreuz den Lebensatem aus ihnen heraus. Wir hätten das Paradies haben können, und bekamen das Kreuz. Der Mann weiß, dass es richtig ist, wenn auch sein Freund noch anders denkt. Der schimpft, lästert und flucht noch mit seinen letzten Atemzügen. Sogar gegen diesen Mann zwischen ihnen, der auch am Kreuz hängt. Dabei ist sein einziges Verbrechen, dass er denen da oben im Weg war. „König der Juden“ haben sie auf sein Kreuz geschrieben, um ihn lächerlich zu machen. „Hilf dir selbst und uns!“ ruft der Freund. Die Soldaten lachen. Das Spiel ist aus. Der Mann in unserer Geschichte sammelt noch einmal seinen Atem, das Stückchen Lebensodem, das ihm noch bleibt und weist seinen Freund zurecht: „Fürchtest du noch nicht einmal Gott? Wir alle haben dieselbe Strafe erhalten, aber im Gegensatz zu uns hat dieser Mann hier zwischen uns nichts Unrechtes getan.“ Solange er Atem hat, spürt er, was Gottes Lebensgeist allen Menschen sagt. Gerechtigkeit bedeutet, dass es für den Unschuldigen weitergehen muss – und der Schuldige seine Strafe bekommt. Auch wenn die Umstände noch so zynisch und die eigene Hilflosigkeit noch so groß sind – ob der Ort nun Golgatha oder Moria heißt, wo das große Nichts droht – es gibt diesen Ort in uns, der noch in der Lage ist, Gut und Böse zu erkennen, der noch berührt wird vom Leid Unschuldiger.
Auch wenn das eigene Leben noch so sinnlos und die eigenen Mühen noch so vergeblich und die eigenen Möglichkeiten noch so vertan erscheinen, es gibt noch Hoffnung, solange wir uns an diesen Ort des Guten in uns klammern. Solange wir die Gerechtigkeit nicht ganz verraten. Aus einem Impuls heraus, dass da neben ihm, ganz nah, nur eine Überwindung entfernt, die letzte, und wirklich allerletzte Chance hängt, sich mit dem Guten zu verbünden, sagt der Mann am Kreuz zu Jesus: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortet ihm und in ihm uns: „Amen, das sage ich dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Worte der Gnade fallen. Auch wenn dein Leben nichts war als ein Haschen nach dem falschen Paradies. Es ist nicht zu spät. „Ich verspreche dir: Du gehörst zu mir, heute und für immer. Das Paradies beginnt hier und heute für dich. Mein Kreuz wird für dich zum Baum des Lebens. Und es wird zur Quelle für die Ströme des Lebens, die die Wüsten dieser Welt in Gärten verwandeln sollen. Die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Ihr werdet herrlicher gekleidet sein als sie. All eurer Sorgen ledig. Tränen und Leid werden nicht mehr sein und der Tod wird nicht mehr sein. Und euer Tisch ist gedeckt und es ist reichlich Platz dort. Ich sehne mich danach, dass diese Welt eine Oase der Freiheit und der Gerechtigkeit wird.
Ich sehe mich danach, dass wir die Würde des Menschen nicht mit Füßen in den Staub treten, die Nächstenliebe nicht im Flammenmeer oder in der Gleichgültigkeit untergehen lassen und nicht aufhören, unserer Berufung zum Guten zu trauen und ihr nachzugehen. Ich brauche dich als Gärtner. Werde, sei und bleibe ein Teil meines Reiches. Und ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ Wort des lebendigen Gottes.

Schlussgedanke
„Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“
Das, liebe Gemeinde, ist ein prophetisches Wort. Denn so wird es wieder sein. Nicht einmal der Tod kann dir deine Berufung nehmen. Gott hat dich für das Paradies bestimmt. Er hat dich für das Leben bestimmt. Und diese Bestimmung bleibt. Er ist uns nachgegangen und hat uns das Paradies wieder aufgeschlossen. Und wo man auch unseren sterblichen Leib in die Erde legen mag, wenn der Lebensatem von uns gegangen ist, Gott wird uns finden. Es kommt der Tag, da wird er uns aufs Neue aus dem Staub rufen. Da wird er uns aufs Neue kunstvoll bilden, uns seinen Odem einhauchen. Und wir werden miteinander voller Begeisterung das Leben feiern, den Glauben, die Hoffnung und Liebe und wir werden Wachstum sehen.
Aber heute ist der Tag, an dem du Seine Stimme hören sollst. Höre auf, dir Sorgen zu machen um die falschen Dinge. Höre auf, deine Sehnsucht mit Sinnlosigkeiten zu betäuben. Denke an sein Reich – und an deine Aufgabe. Und glaube – an Liebe, an Glück und an Wunder. Denn das Leben ist ein Wunder. Und dass es gut wird – das hat Gott uns anvertraut. Er hat den Samen zum Paradies in unsere Hände gelegt. Und der Friede Gottes…

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