Gemeinde(er)leben

Musikalischer Erntedankgottesdienst mit Feier zum 40jährigen Jubiläum von unserm Organisten Uwe Weiland

Danke an die Sängerinnen und Sänger von Cantemus, die coronabedingt nur draußen für uns singen durften, an Dekanatskantor Markus Ziegler, der auf Uwes Wunsch hin die Orgel für uns erklingen ließ, sowie an das Ensemble „Flötentöne“ und Anke Scheurer an der Querflöte für die musikalische Mitgestaltung dieses Erntedankgottesdienstes.
Und natürlich Danke an das Team vom Kindergottesdienst sowie unseren Küster Dirk Othegrafen, die dafür gesorgt haben, dass wir alle in einer wieder einmal wunderschön geschmückten Kirche Erntedank feiern durften.

Predigt von Dr. Anneke Peereboom

Gott segne unser Reden, Hören und Verstehen durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Liebe Gemeinde!
Ich muss Ihnen ein Geständnis machen: Ich stehe hier und heute mit einer Predigt, von der ich seit Tagen befürchte, dass sie nicht gut genug ist. Zumindest für diesen Anlass: Das Haus ist erstmals seit Beginn der Ära a.c. (in diesem Fall für after Corona, nach Corona, nicht a.c. after Christ), wieder richtig gut gefüllt und zu Ehren von Erntedank festlich geschmückt, unser hochgeschätzter Organist hat großes Jubiläum und ich hätte ihm gerne zu diesem Anlass gerne was ganz Besonderes geboten und dann ist auch noch die Chefin zugegen, also die irdische. Das entspannt auch nicht gerade, liebe Frau Weigel. Denn wer will sich da schon blamieren mit so was Halbgarem, Vorhersehbaren, Uninspirierten. Was, wenn das, was du hast, einfach nicht gut genug ist? Seit Tagen w arte ich auf den genialen Geistesblitz – und ich sage es nicht gern: Ich warte noch immer. Er kommt nicht. Also habe ich das Internet rauf und runter gesurft auf der Suche nach intelligenten Einsichten in unseren Predigttext. Aber irgendwie war auch das kein rechter Erfolg. Diese Geschichte von der wundersamen Speisung tausender von Menschen ist bekannt und irgendwie abgenudelt.

Scheint es mir. Wenn ich der Mehrheitsmeinung folge, müsste ich jetzt über das Teilen predigen. Ihnen ein ethisches Lehrstück vorlegen. Das Ihnen die Erkenntnis vermittelt: Wenn alle zusammenlegen, was sie haben, dann reicht es am Ende für alle. Eine schöne Analogie, unmittelbar anwendbar auf unser Weltwirtschaftssystem und den Streit zwischen den Geschwistern daheim. Ein wichtiger Appell an unsere Mitmenschlichkeit und Solidarität, keine Frage. Der kleine Haken an der Sache, der bei mir immer irgendwie einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, ist: Dafür sind wir Menschen nicht gut genug. In der Regel bekommen wir Menschen den Hals nicht voll. In der Regel ist die Angst, zu kurz zu kommen, mächtiger als unser Wunsch nach Gerechtigkeit. In der Regel lassen wir lieber Menschen im Mittelmeer untergehen oder geben sie in überfüllten Flüchtlingslagern der Hoffnungslosigkeit preis, als mit ihnen unsere sieben Brote und die paar Fische zu teilen, die wir Europäer stolz in unserem Körbchen horten. Wir können sie ja doch nicht alle retten, oder? Warum also überhaupt anfangen? Mag ja sein, dass eine berührende und gut gemachte Predigt übers Teilen mich dazu bewegen könnte, ein wenig mehr in den Kollektenkorb zu legen oder gar daheim eine Überweisung zu tätigen. Aber das sind kurze Strohfeuer. Was bleibt ist die Angst, nicht genug abzubekommen, wenn verteilt wird.

Wir nehmen lieber, was wir kriegen können. Sicher ist sicher. Das ist übrigens auch die etymologische Wurzel des Wortes „genug“. Es stammt aus dem mittelhochdeutschen genuoc und geht auf die indogermanische Wortwurzel enek zurück. Im Altgriechischen heißt das Ganze dann ganz ähnlich „enenkein“ –wegtragen. Genug ist es also, wenn ich es wegtragen kann. In meinem Körbchen. Zum Bunkern. 

Also keine Predigt übers Teilen heute. Würde nur zynisch werden. Erspare ich uns. Bleibt die Predigt über ein Wunder. Aber auch da tue ich mir schwer. Ich habe das nämlich noch nie so richtig verstanden, wie genau Jesus das Brot eigentlich vervielfältigt. Klammheimlich auf wundersame Weise Körbe und Mägen füllt. So ähnlich wie in den Harry Potter Büchern, wenn der Zauberspruch „Geminio“ (von lat. Gemini = Zwillinge) dazu führt, dass Dinge sich bei Berührung magisch verdoppeln, wie etwa die Schätze in Bellatrix Lestranges Verlies bei Gringotts. Das war magisch damals und  sicherlich total schön für die Leute, die vor 2000 Jahren live dabei waren und Hunger hatten. Ebenso wie anderntags für die Hochzeitsgesellschaft in Kanaa, die sich darüber freuen konnten, dass einer in ihrer Mitte Wasser in Wein verwandeln konnte. Keine Frage: Geschenkwunder sind was Tolles! 

Aber ehrlich gefragt – inwiefern genau ist das für mein Leben heute und hier eigentlich von irgendeiner Relevanz? Was bringt mir dieses Wunder – außer vielleicht der Bestätigung: Ja, dieser Mensch war Gottes Sohn und konnte echt krasse Sachen. Aber das wusste ich ja schon, das haben wir zwei schon länger miteinander klar. Aber jetzt ist er halt nicht mehr hier unter uns und tut Wunder. Oder? 

Zumindest irgendwie nicht da, wo ich Mangel erlebe. Zugegeben, an Brot und einem reich gedeckten Tisch mangelt es mir hier selten, Gott sei Dank. Aber an anderen Dingen schon. An Zeit etwa. Ich habe nie Zeit. Und immer zu wenig für meine Kinder und alte Freunde. Ich habe auch oft nicht genug Kraft und Energie für alle anstehenden Aufgaben. Ich habe nicht genug Lust, mich heute nochmal aufzuraffen ins Fitnessstudio zu gehen, obwohl ich mir fest vorgenommen habe, dass zweimal die Woche schon sein muss. Ich habe nicht genug – und ich glaube, ich bin nicht allein. Jugendliche haben nicht genug Zeit gehabt zum Lernen oder bei der Klassenarbeit für die Beantwortung aller gestellten Aufgaben. Bei jemand anderem hat es am Selbstvertrauen mal wieder gefehlt. Ich höre ihn deutlich in mir diesen inneren Richter mit seinen beständigen Urteilen: Nicht genug, nicht genug, nicht gut genug. Vielleicht besucht er Sie auch manchmal.

Vielleicht spüren Sie das auch: Den Mangel an Selbstvertrauen etwa. An Barmherzigkeit. An Mitgefühl. Ich denke ganz oft an die Dinge, die ich nicht kann und  habe, die mir fehlen. Ich finde oft, ich bin nicht gut genug und was ich tue, reicht irgendwie nie. Immer hänge ich hinterher: Habe nicht den Dachboden aufgeräumt, der Freundin zum Geburtstag gratuliert und ein wichtiges Telefonat geführt – und das war nur die Versäumnisliste von gestern! Vermutlich war sie noch nicht mal vollständig… Leider ist keiner da, der auf wundersame Weise meine Gaben und Talente vermehrt, die kleinen Brötchen, die ich backe.

Liebe Gemeinde! Genug haben – wann ist es genug? Wann genügt etwas? Wann genüge ich? Wann habe ich genug?

 

Liebe Gemeinde! Was ist das Evangelium in unserem heutigen Bibeltext? Wo ist die frohe Botschaft für mich und mein Leben enthalten. Wo schmecke ich Erlösung? Ich versuche es mal ganz einfach und so banal wie möglich – wir wissen ja bereits, dass die Predigt nicht gut genug ist und können das riskieren: Die Geschichte von der Speisung der 4000 ist eine Genug-Geschichte. Eine Geschichte, in der das genügt, was ist.

Die frohe Botschaft, die mich aus unserem Bibeltext heute erreicht, lautet also: Es ist genug. Es reicht aus. Es ist gut. Du musst weder ein Wunder vollbringen, noch dir ein Bein ausreißen, noch die Welt retten (das macht ein anderer besser). Du musst kein Musterbeispiel an moralischer Vollkommenheit sein und dein letztes Hemd hergeben an den Nächsten. Denn daran scheiterst du im Alltagsgeschäft so kläglich. Sondern: Es ist genug. Es reicht aus. Es genügt. Du genügst. Du hast genug. Das bisschen reicht. Die paar Brote und kleinen Fische, die da sind, die du zu bieten hast. Es ist genug. Wenn Du eine, eine einzige Sache tust, mit dem was du hast und was du bist: Du legst es Gott in die Hand. Du lässt los und übergibst es dem, der besseren Gebrauch davon zu machen versteht. Du legst das, was du hast und was du bist vor deinen Herrn hin und er wird es für dich segnen und groß machen. So heißt es zumindest im Text in Bezug auf die Brote und Fische:

Und er (Jesus) fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Sie antworteten: „Sieben“. Und er forderte die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen. Dann nahm er die sieben Brote. Er dankte Gott, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus. Sie hatten auch noch einige kleine Fische.  Jesus sprach das Segensgebet über sie und ließ sie ebenfalls austeilen“ 

Jesus ist nicht enttäuscht, dass es „nur“ sieben Brote sind. Er hält den Jüngern nicht vor, das sei zu wenig. Was sie mitbringen, genügt ihm. Er berührt das, was sie ihm bringen, er bringt es dankbar und segnend mit Gott in Verbindung und gibt den Dingen so einen ganz eigenen Wert. Er heiligt sie, wenn man so möchte, weil er sie für Gott einsetzt. Die Aufgabe der Jünger besteht darin, ihre solchermaßen geheiligten Gaben unters Volk zu bringen und zu erleben: Es ist genug. Es reicht aus. Es genügt. Du genügst. Du hast genug. Du bist genug. Was für eine Erlösung in einer Welt die beständig eine optimierte Fassung unserer Selbst von uns einfordert!

Mit den Konfis habe ich gestern dazu eine passende Geschichte entdeckt. Sie kennen ja bestimmt Mose, bei dem es am Anfang auch alles nicht so super lief, später auch oft nicht. Aber an diesem einen Tag ist etwas von zentraler Wichtigkeit für sein Leben passiert. Mose steht in der Wüste und hütet Schafe und so aus dem Nichts erscheint ihm Gott. Er hat einen gigantischen Auftrag für Mose: „Führe mein Volk aus Ägypten in die Freiheit, ins gelobte Land.“ Das ist ungefähr so die Kategorie von: Fahr nach Griechenland, räume alle Flüchtlingslager und bringe die Menschen ins gelobte Land Europa hinein! Da kann man sich mit Mose schon mal fragen: „Wer bin ich? Wer bin ich, dass ich zum Pharao ginge und führe mein Volk Ägypten in die Freiheit?“. Gott hat eine verblüffend einfache Antwort auf diese Frage. 1 Satz. „Ich werde mit dir sein.“ Punkt. „Ich werde mit dir sein.“ Das ist genug. Wir müssen gar nicht ach so großartig sein, denn Gott ist groß und kann große Dinge tun mit dem bisschen, was wir ihm zur Verfügung stellen. „Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – steht so schon im Neuen Testament.

  

Liebe Gemeinde! Wenn das eine Wundergeschichte ist, dann geschehen Zeichen und Wunder auch noch hier und heute. Dann geschehen Zeichen und Wunder in Klingelbach. Denn unter uns gibt es Menschen, und manchmal sind sogar wir selbst einer davon, die Gott etwas in die Hand legen von dem, was sie haben. An Zeit, an Energie, an Fähigkeiten, Gaben, Gütern und Talenten. 

Manchmal ist es vielleicht gar nicht so furchtbar viel, aber in Gottes Hand ist es genug. Mein bescheidenes Können und Wissen reicht aus. Jesus bringt das, was ich bin und habe, dankbar und segnend mit Gott in Verbindung und heiligt meine Mittel, die ich für Gott einsetze.

 

 

In Gottes Welt kann ein 16jähriger junger Mann aus einem winzigen Dorf erleben, dass seine Liebe zur Musik und die Fertigkeit seiner Finger und Füße 40 Jahre lang Menschen froh macht und mit Gott in Berührung bringt. Es müssen weit, weit über 4000 Menschen gewesen sein, die Uwe Weiland in dieser Zeit gespeist hat mit Melodien, Tönen und Klängen jeglicher Jahrhunderte, zu jeglichem Anlass, den das Leben für uns bereit hält. Uwe, wie oft hast du mir nicht von der Liebe, Güte und Barmherzigkeit Gottes verkündigt durch deine Melodien, so greifbar, als hätte mir jemand ein Brot gereicht!

 

In Gottes Welt kann eine Frau aus Herold, die immer dachte, sie habe vielleicht gar nicht genug Glauben, um sich in der Kirche zu engagieren, erleben, dass einer sie gerufen hat. Sie kann sehen, dass gerade ihre Fähigkeiten und ihre Kraft gebraucht werden, um einen Kirchenvorstand durch Höhen und Tiefen zu leiten und eine Gemeinde am Laufen zu halten.

Auch wenn vieles vielleicht nur kleine Fische sind, die sie da bewegen kann und auch wenn es manchmal unendlich mühsam ist – sie tut es. Und das reicht aus. Es genügt. Gott heiligt es und lässt die Gemeinde, in der sie wirkt, aufblühen. 

In Gottes Welt nehmen sich eine Handvoll verschlafener Konfis und ein Bäcker trotz Feiertag einen ganzen Vormittag lang Zeit, um sich in der Backstube ganz praktisch an der wundersamen Brotvermehrung zu versuchen. Sie haben „Brot für die Welt“ gebacken und wir alle können helfen, dass es dort auch ankommt. 

In Gottes Welt bringt die nette Dame aus der Änderungsschneiderei am Tag vor Erntedank schnell noch neue, selbst genähte Vorhänge für die Kirche mit. „Vielleicht fällt es einem auf und er freut sich,“ sagt sie. Das Kreuz in Spitze ist dort eingelassen. Sie hat nähend das Evangelium verkündigt, ohne ein Wort zu sprechen, ohne dass jemand sie darum gebeten hätte. Sie hat es getan, weil sie es konnte, und weil sie gesehen hatte, wo sie etwas zu geben hatte. 

In Gottes Welt habe ich Wunder erlebt. In Klingelbach habe ich Wunder erlebt. An jedem ganz normalen Tag. Wunder, die mit mir und meinem Leben und meiner Arbeit zu tun haben. Die relevant sind. Denn an jedem Tag gibt es hier wie an jedem Ort in unserem Dekanat und auf unserer Welt Menschen, die das bisschen, was sie haben und sind, Gott in die Hand legen. Jeder, der die Angst kennt, nicht zu genügen, jeder der fürchtet, es könne nicht reichen, jeder der nur kleine Brötchen backen kann, kann bei Gott ein Wunder erleben.

Unsere manchmal so klägliche, kleingläubige Kirche, die beständig einen Mangel an Ressourcen beklagt, ein Schwinden ihrer Gelder und Mitglieder (die Reihenfolge ist zufällig gewählt!), braucht keine wundersame Vermehrung ihrer Mittel und auch keinen neuen Ethos. Sie braucht schlichtweg das Vertrauen, dass das, was sie mitbringt in Gottes Hand ausreichend sein wird. Mensch, Gott will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Dafür muss er dich nicht neu erfinden, er hat dich ja schon wunderbar gemacht.

Du bringst alles mit, was es braucht. Du musst es ihm nur zur Verfügung stellen. Es ist genug, wenn du es ihm gibst und wenn Gott es in die Hand nimmt. Dann wird er mit dem, was du ihm gibst, Wunder tun. Dann wird er mit dir Wunder tun. Du wirst schon sehen – somewhere, somehow, somewhen. Irgendwo. Irgendwie. Irgendwann. Und der Friede Gottes…

 

Hier finden sie das aktuelle Kirchenecho