Gemeinde(er)leben

Gottesdienst zum Totensonntag mit Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom und Jonas Völzke.
Musikalische Begleitung Kerstin Winter-Koch , Uwe Weiland und den Flötentönen


Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da sein wird. Amen.

Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist golden. Wunderschön ist es, einzigartig und kostbar. Kannst du erraten, was es ist?
Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist golden.
Ich sehe eine Scherbe und in der Scherbe ein Bild für das Leben in all seiner Zerbrechlichkeit und Endlichkeit. Das Leben ist wie ein Gefäß für unsere Tage, Monate und Jahre, für die Zeit, die uns gegeben ist.
Am Anfang, wenn das Gefäß noch neu und heil ist, ist die Schale meist gut gefüllt mit Zeit. Aber irgendwann bekommt sie erste kleine Kratzer und der Lack platzt ab. Irgendwann schlägt sie heftiger an, bekommt größere Risse und Brüche – allein schon durch die häufige Benutzung. Denn das Leben ist ein Alltagsgegenstand. Manche Schale fällt auch ganz unerwartet aus der Hand und zerspringt in tausend Scherben, wenn sie auf dem Boden aufschlägt. Ein Schlag – und die Zeit rinnt heraus und ist nicht aufzuhalten und ein Leben ist von einem Moment zum anderen einfach vergangen. Ein Unfall, ein Schlag, ein Schicksalsschlag. Wie zerbrechlich es ist, das Glück… 

„Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt, mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe.“ (Psalm 22)

Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist golden.
Ich sehe eine Scherbe und darin die Erinnerung an ein Leben. An einen Menschen und an seine Zeit. Wer er war, was sie getan hat, was ihn ausgemacht hat, was ich mit ihr geteilt habe. Ich sehe in dem was ist, das was war, blicke zurück auf das Vergangene, erinnere mich. An vieles voller Dankbarkeit. An goldene Momente. An eine Zeit, als alles noch in Ordnung war. Ich weiß noch, wie wunderschön das Gefäß war, bevor es zerbrach.
Ich sehe was, was du auch siehst – den Tod. In all seiner Macht und Dunkelheit, in seiner Einsamkeit und Verzweiflung, in seinem Schrecken und Erschrecken. Ich sehe wie du auch seine Vorboten, den langsamen Verfall, das Kranke und Hinfällige, das Fallende. Ich sehe meine Ohnmacht. Ich sehe den Abschied kommen und erschrecke dann doch, wenn es so weit ist. Denn hinter den Tod gibt es kein Zurück. Es ist etwas vorbei, was nie wieder so sein wird, wie es war. Nie wieder heil. Denn was zerbrochen ist, ist zerbrochen, das wird nie wieder „wie neu“.
Der Tod lässt uns keine Perspektiven, außer dem Blick zurück ins Vergangene. Der Tod spricht nicht vom Morgen. Und vom Heute möchte man lieber nichts sehen. Man kann dem Tod auch nicht in die Karten sehen. Er steht uns im Weg, wir erkennen dahinter gar nichts. Wir sehen aber nur allzu deutlich den Scherbenhaufen vor unseren Augen. Was aber wäre, wenn wir den Blick lösen könnten? Wenn wir unsere Augen heben könnten, über den Scherbenhaufen hinweg, auf zu den Bergen, himmelwärts?

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme vom Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß sprach: „Siehe, ich mache alles neu!“ 

Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende. 

Ich will dem Durstigen Geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.“

Lesung aus dem Buch der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21

Ich sehe was, was du nicht siehst – sagt Johannes, und das ist golden und schön. Er hat es aufgeschrieben für uns. Er sieht Gott auf dem Himmelsthron, inmitten der goldenen Stadt, dem himmlischen Jerusalem. Gott, der sagt

„Siehe, ich mache alles neu!“ 

Wir sehen dieses Neue nicht. Noch nicht. Das muss uns jemand sagen, der mehr sieht als wir. Jemand, der mehr sieht, als das, was unmittelbar vor Augen ist. Jemand der in einem Grab nicht das Ende sieht, sondern einen Anfang. Jemand, der das Licht am Ende des Tunnels sieht. Jemand der in dem, was zum Zweifeln und Verzweifeln ist, weiter sieht – hin zur Hoffnung. Hoffnung und Trauer haben so viel gemeinsam. Beide wollen etwas anderes als das, was die Augen sehen können.
Beide sind mit dem, was nicht ist, nicht glücklich. Aber es gibt einen Unterschied:
Die Trauer richtet ihre Sehnsucht auf das, was vergangen ist. Die Hoffnung streckt ihre Fühler aus in die Zukunft.
Die Trauer gilt dem, was man verloren hat und will es zurück.
Die Hoffnung gilt dem, was kommen könnte und sie spürt: Alles ist anders. Durch Hoffnung kann man auch im Angesicht des Todes beginnen, neu zu leben und das Leben neu zu schätzen. Ob man das Leben und das Sterben mit oder ohne Hoffnung betrachtet, das macht einen Unterschied.
Ich sehe was, was du nicht siehst – sagt Johannes. Und hat es aufgeschrieben für uns. Damit wir es nachlesen können. Ich sehe, dass Gott bei uns wohnt: 

 „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Er wird bei ihnen wohnen.“ 

Ich sehe, dass Gott da ist. Da wo wir sind. Dass wir ihn sehen und erleben können. Und dass diese Fragen endlich aufhören können: Wo warst du, Gott? Wo bist du eigentlich immer, wenn ich dich mal brauche? Bei uns ist er. Dauerhaft, immer. Wohnt bei uns. Ist uns nah. Und wischt die Tränen ab. Sammelt die Scherben unseres Lebens auf. Eine nach der anderen. Legt sie hinein in die Schale seiner Ewigkeit und macht alles neu.
Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist aus purem Gold. Sagt Johannes und schreibt es auf für uns, das was wahrhaftig ist und gewiss. Ich sehe ein Leben ohne Leid. Ohne Schmerz, nicht am Körper, und nicht an der Seele. Ein Leben ohne Krankheit, ohne Gewalt und ohne Tod. Kein Grund mehr für Tränen. Höchstens für Freudentränen.
Johannes sieht, was wir noch nicht sehen. Er sieht über das hinaus, was vergangen ist, was einmal war. Er sieht über die Scherben hinaus, die der Tod hinterließ. Er sieht weiter.
Er sieht, wie Gott diesseits wie jenseits des Todes die Scherben aufsammelt und alles neu macht – nicht „wie neu“ sondern neu. Johannes sieht eine ganz neue Schale, ein neues Gefäß, voller Leben. Bis an den Rand gefüllt. Unvergänglich und unzerstörbar. Er sieht, was einmal sein wird. Wie schön es sein wird. Wie golden.
Ich sehe was, was du nicht siehst – ich sehe auch dich selbst, in deinem Glanz, wenn sich deine Trauer verwandelt hat in Freude. Die Bibel wagt diesen Blick nach vorne. Sie lässt uns ausrichten: 

„Im Jubel ernten, die mit Tränen säen,“ (Psalm 126)
„Du hast mir meine Klagen verwandelt in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude gegürtet, dass ich dir lobsinge und nicht stille werde. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit“ (Psalm 30
„Gott hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“ (Psalm 34)
„Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. Gott zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen“ (Psalm 147) 

Gott ist wie einer dieser Kintsugi-Künstler aus Japan. Kintsugi bedeutet „Goldverbindung“. Kintsugi-Künstler setzen die Scherben einer zerbrochenen Schale wieder zusammen. Zuerst wird dafür Kitt verwendet. So gewinnt die reparierte Schale ihre Stabilität zurück. Aber sie soll nicht nur stabil sein, sondern auch schön. Darum werden die Bruchstellen mit Goldstaub beschichtet (Sie haben auf Ihrem Liedblatt und auch auf der Postkarte, mit der wir Sie eingeladen haben, ein Foto einer solchen Kintsugi-Schale, dort können Sie sich einen Eindruck verschaffen). Durch die Vergoldung der Bruchstellen entstehen feine Adern und Linien, manchmal auch größere goldene Flächen, wo Stücke verloren gegangen sind.
Die Schale ist nicht mehr so wie vor ihrem Zerbrechen. Sie ist anders geworden. So wie ein Mensch, der einmal getrauert hat, ein anderer geworden ist. Aber Gott setzt uns Stück für Stück wieder zusammen, kittet uns mit Liebe, die hält und niemals vergeht, und vergoldet die Narben, um zu zeigen wie kostbar sie sind. Weil sie uns so einzigartig machen. Weil sie uns prägen. Die Bibel nennt diese Methode übrigens nicht Kintsugi sondern Versöhnung. Mit sich, mit der Welt, mit dem eigenen Schicksal und auch mit Gott, wenn wieder zusammenkommt, was getrennt war. 

„Siehe, ich mache alles neu!“

Ich sehe was, was du nicht siehst. Wunderschön, golden, einzigartig und kostbar ist es. Kannst du erraten, was es ist? Es ist das Leben. Hier auf dieser Welt, mit all seinen goldenen Momenten in seinem ach so zerbrechlichen, irdenen Gefäß. Und dort, in der Ewigkeit, hineingetaucht in die Herrlichkeit Gottes, bis zum Rand gefüllt:

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des Lebendigen Wassers umsonst.“ 

Und der Friede Gottes…

 

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