Gemeinde(er)leben

Gottesdienst zum 1. Advent mit Pfarrerin Dr. Anneke Peereboom, Romeror Hocke, Max Fischer, Lena Popp und Marianne Schröter.
Musikalische Begleitung Cantemus, Kerstin Winter-Koch und Uwe Weiland

 

Macht hoch die Tür... Adventskalender als Türöffner für Weihnachten

Liebe Gemeinde! 

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass eine Tür wie das Gesicht eines Gebäudes ist? Schon bevor wir eintreten, erkennen wir am Charakter der Tür eine ganze Menge: Ob es hier sachlich und nüchtern zugeht wie bei der Glastür eines Büro- oder Bankgebäudes. Ob Wärme und Behaglichkeit uns empfangen werden, wenn jemand einen schön gebundenen Kranz aufgehängt hat über dem alten, viele Male berührten Holz des Türblattes. Ob mit Verlotterung und Verfall zu rechnen ist, sobald ich über die Schwelle trete, weil der Unrat sich schon draußen türmt oder ob mich ein perfekt glitzerndes Warenparadies willkommen heißen will. Die Tür nach außen erzählt von dem, was innen ist. Die Tür nach außen erzählt von dem, der innen wohnt und von dem Raum, den er oder sie um sich herum geschaffen hat. Die Tür ist keine Nebensache. Sie ist der Schlüssel, um von außen nach innen zu gelangen. 

Die Adventszeit ist eine Zeit der Türen. Eine Zeit, die ein Türöffner für Weihnachten sein kann und will. Die Adventszeit ist die Tür nach außen, die von dem erzählt, was uns drinnen erwartet, wenn wir an Weihnachten eintreten. 

Denn es erschließt sich ansonsten keinem, warum ein kleiner Stall weit weg in Bethlehem vor 2000 Jahren, in dem sich mehr schlecht als recht eine Geburt ereignete, in meinem Leben heute Freude auslösen sollte. Das Weihnachtswunder wird nur der erleben, der in der Adventszeit anfängt sich zu wundern. Der Türen öffnet und sich vortastet, der dem Geheimnis nachgeht, das sich hinter allem verbirgt. Heute, am 1. Advent, stehen wir gemeinsam an der Schwelle zu dieser besonderen Zeit. Und wir machen uns so unsere Gedanken – heute über Türen. Wie fangen wir an? Nun vielleicht so:

Was haben 73 Prozent der Deutschen? Es gibt da so einiges was man nennen könnte: 73% der deutschen Unternehmen haben eine Homepage, 73% der Deutschen haben Vertrauen in den Bundespräsidenten, 73% sprechen sich für eine Impfpflicht gegen die Masern aus und 73% der Deutschen nutzen den Black Friday als Sales Event. Und – für uns j von besonderem Interesse – 73% der Deutschen hatten im Jahr 2019 einen Adventskalender. 98,3 Millionen werden allein in unserem Land verkauft – der größere Teil unserer Produktion jedoch geht ins Ausland. Auch wenn das mit Schokolade gefüllte Exemplar seit langen Jahren der Kassenschlager ist, erscheinen jedes Jahr mehr Varianten: Es gibt Bier- und Whisky-Adventskalender, welche mit Parfüm oder Spielzeug für Kleine (Stichwort: Playmobil) wie Große (Stichwort: Erotik-Adventskalender). Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gibt. War mein Eindruck bei einer kurzen Internet-Recherche. Adventskalender sind längst kein Produkt für kleine Kinder mehr. „Es ist mir egal, wie alt ich bin, ich will einen Adventskalender!“ So stand es ja seit einigen Wochen auch auf einem Schild in der Untertalstraße zu lesen. Geht es Ihnen auch so? Haben Sie einen Adventskalender? => Kurze Umfrage

Adventskalender sind ja ganz ohne Zweifel ein besonders zauberhafter Klassiker der Adventszeit. Nicht wegzudenken aus der Liste der „Must haves“. Und – der Adventskalender ist der Inbegriff eines Türöffners für Weihnachten! 24 Türchen, jeden Tag öffnet sich ein neues, offenbart etwas Schönes, schürt die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Hilft Kindern, für die Zeit noch eine abstrakte Größe ist, beim Abzählen, wie lange es noch dauert, bis das Christkind endlich kommt. Das war übrigens auch einer der Ursprünge des Adventskalenders. Mitte des 19. Jahrhunderts, also so um die 1840er Jahre herum, fingen Eltern an, mit ihren Kindern die Zeit bis Weihnachten abzuzählen. Einige malten dafür 24 Kreidestriche  an Schranktüren oder auch Türstöcke – mit jeweils längeren oder farbigen Strichen für die 4 Adventssonntage. Die Kinder durften dann jeden Tag einen Strich wegwischen. 

In anderen Familien durften die Kinder für gute Taten (!) täglich einen Strohhalm oder eine Feder in die Krippe legen, damit das Jesuskind schön weich liegen möge. Oder aber sie konnten, wie ursprünglich in Österreich ersonnen, das Christkind täglich eine Sprosse auf der Himmelsleiter weiter abwärts setzen, um so zu verdeutlichen, dass Gott an Weihnachten auf die Erde kommt. 

Und schon ahnen wir – es ging bei diesen Vorläufern unserer Adventskalender um viel mehr, als nur die Zeit bis zur Bescherung zu verkürzen, zu versüßen und abzubilden – es ging darum, sich den Sinn der Adventszeit ganz bildlich vor Augen zu führen. Es ging weniger um Kommerz und mehr ums Herz. Adventskalender waren keine Erfindung der Schokoladenfabrikanten oder des Buchhandels, sondern entstanden letztlich aus einer Sehnsucht nach Gott. Ihn wollte man treffen, ihm begegnen. Dafür musste man sich selbst auf den Weg machen nach Bethlehem, eine innere Reise antreten. 

Dabei half evangelischen Christen seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts der Adventskalender bzw. seine Vorläufer, quasi als Reiseführer. Der Adventskalender ist, wie ich in der Vorbereitung auf diese Predigt realisiert habe, nämlich tatsächlich eine zutiefst evangelische Erfindung! Denn während katholische Christen damals noch täglich (!!!) eine Adventsandacht in der Kirche zu besuchen pflegten, um sich geistig und seelisch auf die Geburt Christi vorzubereiten, gingen evangelische Christen andere Wege, um das gleiche Ziel zu erreichen. Sie verlegten die Zeit der Besinnung nach Hause, in die Familien. Dort wurden Bibelstellen aus den Weissagungen der Propheten vorgelesen und an Anhängern an kleine Adventsbäumchen aufgehängt, gemeinsam gebetet und Lieder gesungen und täglich ein neues Kerzlein entzündet, das ebenfalls an den Adventsbaum wanderte. Das Licht nahm so jeden Tag zu und vor dem Hintergrund der Weissagungen aus der Bibel, die man gemeinsam las, konnte man sinnbildlich gut verstehen – es geht bei all dem Zauber um die bevorstehende Ankunft des Lichts der Welt, des Retters, Heilands, Jesus, des Messias, des Christus. Advent kommt von dem lateinischen Wort „adventus“ und das bedeutet: Ankunft. Die Zeit vom 4. Sonntag vor Weihnachten bis zum 24. Dezember wurde dem entsprechend gestaltet als eine Zeit des Ankommens, des geistlichen Vorbereitens. Dahinter steht die tiefe Erkenntnis, dass Menschen sich nicht einfach aus einem profanen Alltag mit all seinen Herausforderungen und Härten (wie wir ihn heute anders aber immer noch erleben) übergangslos in heilige Festtagsstimmung versetzen können, sondern dass zumindest bei Erwachsenen Freude ein zartes und sehr gefährdetes Pflänzchen ist, an dem viele Schädlinge nagen. 

Das Pflänzchen Freude braucht Zeit zum Wachsen und Wurzeln schlagen und gerne auch einen nahrhaften Dünger namens Vertrauen und Zuversicht. Diesen „geistlichen“ Dünger lieferten die Vorläufer unserer heutigen Adventskalender, das war ihre Aufgabe. Von der Jahrhundertwende an, als die ersten gedruckten Exemplare entstanden, bis in die Zeit des 2. Weltkriegs hinein, als die Nazis auch die Adventskalender für ihre Ideologie kaperten und mit deutschem Volksgut füllten, waren Adventskalender in ihren wandelnden Gestalten vor allem mit einem gefüllt – mit Hoffnungsworten der Bibel und entsprechenden Bildern. Ich ahne, sie wären heute keine Bestseller mehr. 

Wir frönen mit unseren Kalendern anderen Ideologien, bringen andere Erwartungen zum Ausdruck. Es wäre durchaus spannend, sich mal zu fragen: 

Was erzählen uns unsere Adventskalender heute über den Charakter eines Weihnachtsfestes, für das sie Türöffner sein sollen? Wohin führt uns die Tür, die unser Adventskalender uns eröffnet? 

Die Sehnsucht nach Gott ist eher nicht mehr der Treiber. Obwohl, auch heute kennen wir die geistliche Reiseführung noch aus besonderen Adventskalenderausgaben wie dem „Anderen Advent“ eines christlichen Verlags aus Hamburg, der in kirchlichen Kreisen gerne kursiert. Bei einem Marktanteil von immerhin 166.000 Exemplaren zu insgesamt 98 Millionen in Deutschland verkauften Adventskalendern scheint sein Impuls trotzdem eher marginal. Die Form hat den Inhalt längst hinter sich gelassen, das Christliche hat sich verflüchtigt und ist schneller erschließbaren Freuden in Form von Spielzeug, Bier und Schokolade gewichen, die mir auf ein Glamour Fest des Konsums zu verweisen scheinen. Geblieben aber ist den Adventskalendern allen Wandlungsprozessen zum Trotz die Mission, Freude wachsen zu lassen. 

Ich zumindest erinnere mich noch heute gerne an besonders liebevoll gestaltete Exemplare von Adventskalendern, die man mir geschenkt hat. Und jedes Jahr ist es wieder eine schöne und auch herausfordernde Aufgabe, sich zu überlegen, wie man seinen Lieben mit dem passenden Adventskalender eine Freude machen kann. Auch als Kirchengemeinde haben wir diesmal viel Zeit und Energie investiert und haben, der besonderen Zeiten wegen, auch mal einen eigenen Adventskalender für all die gebastelt, die zu uns gehören. Unter dem großen Engagement des Redaktionsteams, namentlich von Dario Wolf und Steffi Schindler, haben wir das „Kirchenecho“ in einen geistlichen Adventskalender zum Aufhängen verwandelt – mit täglichen Impulsen zum Glauben, um Ihnen zu helfen, sich innerlich auf nach Bethlehem zu machen und dort gut und frohen Herzens an der Krippe anzukommen. 

Jetzt habe ich lange und viel etwas zu Adventskalendern und der Adventszeit gesagt, als Türöffner für die Weihnachtszeit, als guten Weg, die Freude wachsen zu lassen im Hinblick auf das Kommende. Und was tun wir nicht alles, dieser Tage, um uns in Stimmung zu versetzen an Backblechen, in Liedern, Kerzenschein, mit Tannenzweigen und Nikolausstiefeln. Aber gerade in diesem Jahr, in diesem Jahr in dem alles anders kam und kommt, als gedacht und geplant – erscheint es mir so wichtig, dass wir eines verstehen: 

Weihnachten ist kein perfekt geplantes Event, das reibungslos abzulaufen und alle in Harmonie und Glückseligkeit zurückzulassen hat. Im Original ist zumindest fast alles schief gelaufen. Jesus wurde im wahrsten Sinne des Wortes mitten in den Mist dieser Welt hineingeboren, weil sich ihm keine Türen öffnen wollten in Bethlehem. Ich stelle mir die Geburt unter diesen Umständen echt super ätzend vor, weit weg von daheim, und von Frauen, die wissen, was zu tun ist, allein mit dem Schreiner, Ochs und Esel und spontanem Überraschungsbesuch aus dem fernen Arabien. Nichts wie geplant. Und das, liebe Gemeinde, ist Weihnachten. Und genau darauf müssen wir uns vorbereiten. Es geht nicht darum, dass und wie Weihnachten kommt. Es geht darum, wer an Weihnachten kommt. Denn Weihnachten ist im Kern eine Begegnung. Eine Begegnung mit dem Gott, der alle meine Pläne und Absichten über den Haufen wirft. 

Diesem Gott werde ich kaum begegnen, wenn ich ihn, auf die Dauer eines Krippenspiels verplant, an Weihnachten großzügig mit einterminiere. Diesem Gott werde ich vielleicht begegnen, wenn ich im Laufe der Adventszeit zu begreifen beginne: Gott kommt, weil und obwohl bei mir so viel schief läuft. Er kommt zu mir, mitten in meinen ganzen Mist hinein, obwohl er ganz anderes für mich geplant hatte. Er kommt, wenn ich mich fremd und verloren fühle, ausgeschlossen und zurückgewiesen. Er kommt, wenn ich so hilflos bin wie eine Frau, die eben entbunden hat. Er kommt, wenn ich in meinem Stolz verletzt bin wie ein Mann, dessen Frau schwanger ist, aber nicht von ihm. Er kommt, wenn ich vom Leben nichts Besonderes mehr erwarte wie die Hirten. Er kommt. Ziemlich klein und extrem niedlich kommt er in Gestalt des Jesuskindes, als ginge der große, allmächtige Gott auf die Knie, um klein genug zu sein für meinen Kleingeist und mein enges Herz. Weihnachten ist Gott auf Knien. Ein herzzerreißendes Bild, wenn man mal genauer drüber nachdenkt. Die einzige Würde, die dieser Gott sich noch bewahrt hat, ist seine grenzenlose Liebe. Ihr begegneten damals die paar armseligen Gestalten im Stall. Liebe war der Schlüssel. Und es ist Weihnachten geworden, weil die Menschen offen wurden füreinander und für Gott. Maria, Josef, die Hirten, sie alle haben ihn groß gemacht, auf ihre bescheidene Weise. Sie haben ihn genährt und an ihrem Herzen getragen, sie haben ihn verteidigt, ihn bewundert, sind vor ihm auf die Knie gegangen, haben anderen von ihm erzählt und ihr Leben für ihn verändert. Das, liebe Gemeinde, ist Weihnachten. All das liegt hinter der Tür. Noch ist sie zu. Noch ist der erste Advent. Noch ist Zeit, sich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten und auf eine Liebe, die alles verändert. Und mindestens 24 Mal zu erleben: Hinter jedem kleinen Türchen, das ich Gott aufmache, erwartet mich etwas Gutes. Es ist die Tür zum Licht. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. 

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